WTF?

Instagram, wir müssen reden!

Ich liege auf dem Sofa, smartes Telefon in der Hand, der Finger tippt auf das viereckige, schlichte Kamerasymbol. Eine bunte Welt begrüßt mich. Von unten rechts poppt eine Zahl mit rotem Herzchen auf. 12 neue Likes, juchuuuu!

 


Doch irgendwie kann ich mich nicht richtig freuen.

Denn da sind dann noch die Kommentare dazu:

Awesome 👍

Hot 🔥

🔝

Absolut 💯

Die Menge tobt vor Begeisterung. Irgendwelche Accounts mit drölfzigtausend Followern folgen mir plötzlich, ohne jemals ein Foto geliked zu haben. Bestimmt ganz treue Seelen. Nicht.

WTF?


Nebenbei werden mir komische, werbefinanzierte Beiträge gezeigt, mit Produkten, bei denen man schon aus den dazu gehörigen Kommentaren erfährt, dass es sich nur um Abzocke handelt und man das bestellte Ding entweder gar nicht oder als Billigversion erhält.
Gelöscht werden diese Anzeigen dennoch nicht, sondern tauchen immer wieder auf. Bringen dem Betreiber ja Geld.


Feature-Accounts trenden ganz weit oben, ohne jemals eigenen Content produziert zu haben und werden dafür gefeiert. Schnell ein Like dort gelassen, aber kaum einer klickt auf die Feature-Verlinkung in der Beschreibung, um den wahren Künstler dahinter mal zu betrachten.


Kleine Accounts aus der eigenen Stadt, denen man bislang gerne gefolgt ist, haben statt 250 plötzlich 2500 Follower und man weiß genau, dass dieser Erfolg wohl einer kurzfristigen Abbuchung via Paypal geschuldet ist.
Am liebsten würde man sie aus der Timeline schmeißen, aber dann bleiben ja nur noch die Selfie-Lover, deren Account gefühlt aus 97 Prozent schräg von oben fotografierten Duckfaces besteht. Edding-Augenbrauen inklusive.
Okay, ich werde nicht gezwungen, ihnen zu folgen. Mir folgen sie ja auch nicht. Verschiedene Welten und Daseinsberechtigung und so.


Dann kommen all die gefrusteten 20.000er-Accounts, die in der Instastory erzählen, dass früher alles besser war und ihre Reichweite gefühlt auch auf 15 Prozent ihrer Follower eingeschränkt wurde, damit sie selbst auch mal Werbung schalten, um weiterhin gesehen zu werden. Befürchtungen, dass Instagram sich wie Facebook entwickelt, werden bereits kundgetan.


Doch wir machen alles mit.

Fotos werden gelöscht, wenn sie nicht gleich Menge X an Likes erhalten haben und neu gepostet, wenn der Zeitpunkt günstiger erscheint.
Auf Kommentare wird sofort geantwortet, weil Instagram einen abstraft, wenn man nicht innerhalb einer Stunde darauf reagiert.
Immer wieder neue Hashtags werden verwendet, um gezielt mehr Leute zu gewinnen. Stets die gleichen Suchbegriffe werten schließlich die eigenen Beiträge ab.
Andere Accounts werden überflogen und Fotos geliked, hier und da mal ein Kommentar dort gelassen.
Auf Instastories werden Hinweise gegeben, dass man doch gerade was Neues gepostet hat und man dort mal vorbeischauen könne. Natürlich wird ein Screenshot dazu gepostet, welcher genau über dem neuen Foto unkenntlich gemacht ist. Man will ja nicht zu viel verraten.
Feature Accounts werden verlinkt, um vielleicht auch mal gefeatured zu werden.
Natürlich folgt man denen dann auch und liked all ihren fremden Content, um die Chance zu erhöhen, selbst dort zu landen.
Social Media Pausen gönnt man sich nicht, denn wer nicht regelmäßig postet, liked und kommentiert, wird anderen halt nicht mehr so häufig angezeigt.

Dauernd wird der Nutzer in seiner Reichweite beschnitten, wenn er sich nicht an diese unsichtbaren Regeln hält. Immerhin stet es nirgends beschrieben, wie man sich zu verhalten hat. Wäre ja auch unpraktisch, wo sich die Spielregeln ständig zu ändern scheinen.

Hauptsache, es gibt neue Sticker und lustige GIFs, die man nun verwenden kann. Alles immer schöner, neuer, besser, weiter!


Immerhin habe ich nicht mehr so viele „Entrepreneurs“ in meinem Posteingang oder den Kommentaren, die mich fragen, ob mich mich nicht mit ihnen vernetzen will. Nur damit ich irgendwann auch im Anzug am Wochenende unheimlich wichtig in einem stickigen Konferenzsaal sitzen kann, um zu erfahren, wie man andere davon überzeugen kann, sich zu vernetzen, um am Wochenende in einem stickigen Konferenz… – ihr wisst, was ich meine.


Was bleibt, sind die Influencer und solche, die es werden wollen.

Versteht mich nicht falsch. Grundsätzlich ist es toll, wenn Menschen sich in bestimmten Fachbereichen spezialisieren und ihr Wissen mit anderen interessierten Personen teilen. Wenn dann Firmen dies bemerken und sie dafür gesponsert werden, dann ist dies eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.

Die Firma verteilt gezielt Werbebudget und weiß, dass die Werbung auch ankommt. Der/die InfluencerIn bekommt Geld für das, was sie liebt und kann sich so finanzieren. Es sei gegönnt, denn wer würde das nicht wollen?
Die treuen Leser erhalten für sie wichtige Informationen zu Produkten oder anderen Dingen und können sich auf die Meinung der Influencer verlassen, sofern diese kritisch mit ihren Rezensionen verfahren und nicht alles in den Himmel loben, weil sie es kostenfrei erhalten haben.


Leider teilt sich dieses Feld auch in zwei Lager.

Echte Influencer, deren Followerzahl organisch gewachsen ist und die durch Fleiß und Herzblut dahin gekommen sind, wo sie nun stehen und jene, welche eben fix mal 200 Euro für Fake-Follower und Kommentare ausgegeben haben, um der Werbeindustrie zu signalisieren „hey, ich bin total fancy und warte nur darauf, dass ihr mich ansprecht, euer Zeug erhalten zu dürfen“.


„Fake it until you make it“

Es interessiert die Firmen scheinbar nicht, ob die Gefolgschaft echt oder gekauft ist. Wichtig ist nur die Zahl neben dem Account. Da muss man sich auch nicht wundern, wenn so mancher plötzlich auch schwach wird und sich sagt „okay, einmal Follower zum Mitnehmen bitte“ und der Rest kommt irgendwann freiwillig nach. Nur menschlich.

Irgendwann kommt man dann an den Punkt, dass man die sozialen Plattformen auf dem Markt vergleicht und sich fragt, wo man sich momentan am besten aufstellen sollte.


Die Antwort ist prinzipiell ganz einfach!

Auf dem eigenen Webspace.
Dort, wo dir niemand reinredet, wo du selbst bestimmen kannst, ob und wann Werbung geschaltet wird, wo du allein schreibst oder dir Gastbeiträge einholst. Dort, wo alles Bestand hat und nicht mal eben der Algorithmus geändert wird.

Natürlich ist dies der steinigste Weg von allen. Es ist anstrengend zu beobachten, wenn der mühsam erstelle Content gerade mal von 10 Leuten besucht wird und niemand kommentiert oder sonstwie ein Feedback da lässt.
Man fragt sich „interessiert sich überhaupt jemand wirklich für den Kram, den ich hier mache oder sind das nur die Tentakel von Google und Co., die den Blog indexieren?“.


Die sozialen Medienplattformen sind somit nur noch für eine Sache gut.

Die Menschen, die dort ein- und ausgehen auf die wirklich eigene Seite zu locken, damit sie daran Gefallen finden.

Irgendwann, wenn man auf eine wirklich treue Gefolgschaft blicken kann, die monatlich wiederkehrend den eigenen Content besucht und kommentiert, kann es einem egal sein, welche Plattform gerade trendet und welche mittlerweile auf dem absteigenden Ast ist, weil die Nutzer die Schnauze voll haben. Wir haben es selbst in der Hand. Auch ein Grund, warum ich den RSS-Feeds und dem Google Reader ein wenig hinterher trauere.
Aber dies ist ein anderen Thema.


Wie seht ihr die Entwicklung? Fühlt ihr euch auch in der Reichweite beschränkt und habt keine richtige Lust mehr darauf, erst einen SEO-Lehrgang belegt haben zu müssen, um ja nichts falsch zu machen oder postet ihr einfach drauf los, weil es euch egal ist?

Die Kommentarfunktion ist hiermit eröffnet.


Weitere Beiträge zum Thema Instagram findet ihr übrigens auch hier:
Der Instagram-Shadowban, Teil I
Der Instagram-Shadowban, Teil II
Der Instagram-Shadowban, Teil III

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11 Gedanken zu “Instagram, wir müssen reden!

  1. Ich wusste bisher gar nicht, dass instagram die Reichweite beschränkt etc.. Wenn ich ein neues Bild habe, poste ich das und gut. Ich bin ein wenig müde von den ganzen „Coaches“, die Ihrer Selbstdarstellung fröhnen und einen kostenlose e-books und co anpreisen, um einen dann täglich bis wöchentlich mit Newslettern vollzuballern.

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      1. Auch hier stimme ich dir zu. Irgendwie ist es halt verlockend zu sehen, wie einfach es zu sein scheint. Trotzdem möchte man nicht das Niveau erreichen, welches man bislang verachtet hat. Da pfeife ich lieber auf die Kohle.

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      2. Ich denke auch. Denn sobald man sich verkauft, verliert man seine Unabhängigkeit. Es wäre viel zu verlockend beispielsweise Dinge zu bewerben, die einem gar nicht gefallen oder über die man nur des Geldes wegen schreibt.

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    1. Stimmt, diese Coaches hätte ich auch noch mal näher definieren können. Ich würde auch gerne von mir sagen können, dass es mir egal ist, doch in Wahrheit mache ich mir schon immer Gedanken darüber, wann ich ein Foto poste und welche Hashtags ich verwende, wen ich verlinke und ob ich die Zeit habe, auf Kommentare zu antworten. Statt einfach unbeschwert was zu veröffentlichen, kommt letztendlich weniger Content bei rum, weil zu vieles ungepostet bleibt, aus Sorge, das Material unnötig zu verpulvern. Ich bin da bestimmt nicht alleine.

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  2. Ein schöner Artikel, danke dafür! Deine Beobachtungen scheinen leider zu stimmen. Immer wieder stelle ich fest, wie sich Gespräche um die richtigen Hashtags drehen oder die Gedanken um die Followerzahl. Ich selbst hab für mich entschieden, aufzuhören nach Likes zu haschen. Klar bekommt man irgendwann mit, welche Uhrzeit günstig ist, dennoch richte ich mich nicht immer danach. Denn für wen poste ich die Inhalte? Für mich und jene, die das wirklich sehen und lesen wollen. Und wenn das nur 10 Leute sind, dann sind es die richtigen 10. Wer sich für mein Schaffen interessiert, bekommt einen Überblick auf meinen Kanälen (zu denen Instagram gehört). Und der Rest ist nun mal nicht wichtig.

    Dennoch fände ich es natürlich schön, wenn man mich auch finden kann, wenn also jene Menschen, die an dem interessiert sein könnten, was ich poste, mich auch finden. Aber da ist wohl die Überladung mit Informationen und Inhalten eher das Problem.

    Eine künstliche Beschneidung der sozialen Netzwerke ist dennoch unschön und vertreibt letztendlich jene, die man ja werben möchte. Ist etwas rückwärtsgewandt dieses Verhalten.

    Vielleicht sollten wir dennoch darauf vertrauen, dass Menschen ihren Verstand nutzen können. Werbung von ehrlich gemeinten Ratschlägen zu unterscheiden wäre so eine Sache. Wenn ich jemanden gut finde, dann pushe ich alles, was er tut, um weitere Schaffenskraft zu fördern. Das sollte selbstverständlich sein. Als jemand, der kreativ arbeitet, sind mir solche Menschen und Follower tausendmal lieber, als jemand, der mal schnell nen Like hinterlässt.

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    1. Gute Worte. Dennoch ist es einfach nicht so leicht. Natürlich kann man sagen „ich geb da nix drauf“, aber im Hinterkopf muss man sich dann doch eingestehen, dass es nicht so ist, wie man sich selbst einreden möchte. Ich wäre gerne viel öfter so unbeschwert in den Dingen, die ich da poste, aber die Wahrheit ist, dass ich das nicht bin. Deswegen möchte ich mich nun auch hier auf meinem eigenen Blog mehr austoben und damit stärken. Denn das hier nimmt mir niemand weg. Hier kommt kein Shadowbann und verbirgt mal eben meinen Content bewusst vor anderen, ohne mir davon zu erzählen. Hier entscheide ich. 🙂

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  3. Eine seltsame Entwicklung bei Instagram, die mich auch irritiert. Ich muss immer ein bisschen schmunzeln, bei den ganzen Entrepreneuren – die erinnern mich an die erfolgreichen Versicherungsvertretertypen der 80er und 90er. Andere Zeiten, andere Plattformen;). Mir fällt dazu eine Story ein; mich schrieb vor einiger Zeit jemand an, wie toll es doch „bei ihm abgegangen sei bei Insta“ und dass er seine Popularität (10k +) nicht fassen könne. Naja, er hat halt Werbung geschaltet (was ich jetzt nicht verurteilen kann/darf). Oder man denke an die ganzen Accounts, die alle gleich aussehen, einer wie der andere. So viel Individualität darf nicht sein, sonst wird entfolgt. Ich finde auch, dass wir es in der Hand haben, es besser zu machen! Viele Grüße nach Hildesheim!

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